Londoner Frieze Art in Zeiten der Finanzkrise


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(photos of APPETITE stand at Frieze Art Fair)

KUNST

Londoner Frieze Art in Zeiten der Finanzkrise

16.10.2008

London – Die Leute von der Galerie Appetite sitzen mitten in einem Müllhaufen aus Kaffee-Bechern und Wasserflaschen. Über ihnen hängt ein Plakat mit der Aufschrift «We call communism the real movement», zu Deutsch: Kommunismus ist für uns die wirkliche Bewegung.

Nein, den Kommunismus hat man hier auf der Londoner Kunstmesse Frieze zwar noch nicht ausgerufen. Doch der Kapitalismus und der Strom des nimmer enden wollenden Geldes haben ihre Kraft verloren. Die Frieze, die am Donnerstag für das Publikum öffnete, zählt in Zeiten der Kreditkrise zu den wichtigsten Stimmungsbarometern in der Branche.

Seit weltweit Banken reihenweise zusammenbrechen, ist auch das Zittern am Kunstmarkt groß. Die alles beherrschende Frage: Wann platzt unsere Blase? Neben der Art Basel und der Art Basel Miami Beach gilt die Frieze als die wichtigste Messe für zeitgenössische Kunst – sie lockt nicht nur hochkarätige Sammler, sondern auch Prominente wie dieses Mal Gwyneth Paltrow, Emma Watson oder George Michael an. Unter den Zeltdächern im Regent’s Park stellen mehr als 150 Galerien etwa 1000 Künstler vor. Statt Etabliertem gibt es viel Neues zu sehen. Dazu gehören bellende Papageien oder eine Kammer, in der den Besuchern Feuchtigkeit entzogen und diese anschließend in Flaschen abgefüllt wird.

Das besondere ist aber, dass die Messe dieses Mal inmitten des schlimmsten Bankencrashs seit Jahrzehnten stattfindet. «Die Stimmung ist angespannt. Das ist die erste große Feuerprobe für den Markt», sagt Klaus Webelholz von der Galerie Bärbel Grässlin in Frankfurt am Main. Trotz aller Unkenrufe habe er aber schon einige Amerikaner, die besonders von der Krise betroffen sind, gesehen.

Niemand will den Teufel an die Wand malen. «Es ist nicht so voll wie sonst. Aber wer seine Arbeit gut gemacht hat und die Preise nicht künstlich nach oben getrieben hat, kommt durch», erklärte Aurel Scheibler von der gleichnamigen Galerie in Berlin. Auch bei der Konkurrenz herrscht Optimismus. «Jetzt ist die Zeit, in der sich die Spreu vom Weizen trennt», erklärt Antonia Josten von der Galerie Arndt & Partner. Und am Stand der Düsseldorfer Sies + Höke kommt Galerie-Inhaber Alexander Sies gerade von einem erfolgreichen Verkaufsgespräch aus dem Hinterzimmer: «Es läuft, wir verkaufen.» Eine Londoner Galerie verkaufte in den ersten Stunden Werke für umgerechnet rund 1,3 Millionen Euro.

Die Vorzeichen sind dennoch schlecht. Die Geldbeutel der Sammler und Hedge-Fonds-Manager sind lange nicht mehr so voll wie noch vor der Kreditkrise. «Ich laufe nicht mehr wie ein Irrer durch die Gegend und kaufe, kaufe, kaufe», erzählt ein Banker. Schauen statt kaufen, heißt die Devise. Die Zeiten, in denen alles in den ersten Minuten wegging, sind vorbei. Mega-Auktionen wie die des britischen Künstlers Damien Hirst bei Sotheby’s im vergangenen Monat bilden nach Meinung vieler Experten nicht die Realität ab. Aus der Frieze, die noch bis diesen Sonntag läuft, könnte also auch eine Messe in Moll werden.

Viele halten eine Marktbereinigung für gar nicht so schlecht; vollkommen aufgeblähte Preise selbst für wenig Künstlerisches verdarben auch den Markt. Jetzt sei die Zeit für Qualität: «Gutes läuft immer», heißt es bei Arndt & Partner. «Die Leute investieren jetzt eben nicht mehr in Aktien, sondern in Beständigeres wie zum Beispiel Kunst.»